Aleister Crowley - Teufel in Menschengestalt
Aleister Crowley, einer der berühmtesten Engländer des 20. Jahrhunderts, war für viele seine Hobbys berüchtigt - vor allem für Drogen, Pornographie und die Magie. Er selbst hielt sich sogar für das "Große Tier" aus der Offenbarung des Johannes.

In unserer Zeit beschäftigt sich die Parapsychologie hauptsächlich mit geistigen Phänomenen wie Telepathie und Vorahnungen. Wie interessant diese für die Wissenschaft auch sein mögen, sie sind zweifellos weit weniger spektakulär als die physikalischen, durch Medien hervorgerufenen Erscheinungen wie Levitationen und Materialisationen verstorbener Seelen, mit denen sich vor allem die parapsycholo-gische Forschung zwischen 1860 und 1930 besonders intensiv befasst hatte.

Zu jener Zeit lebte eine ganze Reihe so genannter physikalischer Medien. Neben dem berühmten D. D. Home stand vor allem die Italienerin Eusapia Palladino im Mittelpunkt des Interesses, deren paranormale Fähigkeiten selbst ernsthafte Wissenschaftler wie Everard Feilding und Hereward Carrington in Erstaunen versetzten.

 
Ein Amateurforscher zeigte sich allerdings nicht im Geringsten durch Eusapia Palladino beeindruckt. Nach einer ihrer Sitzungen war er der Meinung, sie wäre nur eine gewitzte Betrügerin, und alle, die ihre paranormalen Leistungen untersucht hatte, besonders das ektoplas-matische Gebilde, das aus ihr ausgetreten sein soll, seien hinter Licht geführt worden.

Die fragliche Séance fand 1913 statt, und der Forscher wollte eine Antwort auf eine Frage, die ihn geradezu verfolgte: "Feilding und die anderen sind zwar klug, vorsichtig, erfahren und kritisch, aber kann ich sicher sein, dass sie wirklich zuverlässig beschreiben, was sie sehen?" Die nun folgende Sitzung sollte endlich Klarheit bringen. Palladino saß am Ende eines Tisches; hinter ihr stand ein mit einem Tuch verhängter Schrank und darin ein Podest mit verschiedenen Gegenständen, die ihr Geisterarm bewegen sollte. Mary d´Este Sturges hielt das rechte Handgelenk des Mediums umfasst, das linke ergriff der Forscher, der die Séance arrangiert hatte.

Im Verlauf der Sitzung bauschte sich der Vorhang über dem Schrank auf und fiel dann über den linken Arm und die linke Hand des Mediums sowie über den rechten Arm und die rechte Hand des Forschers. Er überlegte sich, dass dies nicht der linke Arm des Mediums bewirkt haben könnte, da er diesen ja selbst hielt; dann jedoch spürte er plötzlich Palladinos Handgelenk in seiner Hand gleiten, obwohl ihm nicht bewusst geworden war, dass sie sich seinem Griff überhaupt entzogen hatte.

Nach diesem kleinen, aber bedeutsamen Zwischenfall hielt der Forscher sämtliche Berichte, die er bisher über Palladinos Sitzungen gehört hatte, für unwahr. "Wenn ich", so argumentierte er, "nicht weiß, ob ich die Hand einer Frau halte oder nicht, ist es dann nicht möglich, dass auch andere, selbst Experten, durch die mit großer Schnelligkeit ablaufenden Geschehnisse dermaßen verblüfft sind, dass keine objektive Kontrolle mehr möglich ist?" Der Forscher beteiligte sich noch an Sitzungen anderer Medien und nahm die Ergebnisse verschiedener Parapsychologen unter die Lupe. Er wurde immer skeptischer und kam schließlich zu dem Schluss, dass fast alle Phänomene, die sich während einer Séance ereignen, auf Betrug und Selbsttäuschung beruhen.

   


Schon als Student am Trinity College, in Cambridge, wo er 1895 sein Studium der Geistes-wissenschaften begann, hatte sich Crowley für eine ungewöhn-lich exzessive Lebensweise ent-schieden.
Überzeugter Okkultist

Es überrascht, dass ausgerechnet ein Mann so viel Skepsis zeigte, der selbst überzeugter Okkultist war: Es handelte sich um keinen geringeren als Aleister Crowley, der berufsmäßig magische Rituale abhielt und in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts als der "böseste Mann der Welt" galt. Er hielt nichts von spiritistischen Medien, glaubte aber fest an rituelle Magie. Dies war typisch für ihn - Widerspruch und Zwiespalt ziehen sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Leben, seine Lehren und seine Beziehungen zu anderen.

Edward Alexander Crowley, wie sein ursprünglicher Name lautet, wurde im Oktober 1875 geboren. Seine Eltern, Mitglieder der "Brüder von Plymouth", einer äußerst strengen protestantischen Sekte, zogen ihren einzigen Sohn streng religiös auf. Ihr Glaube besagte, dass jedes Wort der vom Heiligen Geist inspirierten Bibel die lautere Wahrheit ist, dass die Katholische und die anglikanische Kirche "Synagogen des Teufels" sind und die Mehrzahl der Menschen von einem gerechten Gott dazu verdammt wäre, nach ihrem Ableben ewig im Höllenfeuer zu schmoren.

Als der Vater 1887 starb, war Aleister gänzlich dem religiösen Fanatismus seiner Mutter ausgesetzt. Mehr als einmal bezichtigte sie ihn al das "Große Tier", von dem die Offenbarung des Johannes berichtet und dessen Zahl angeblich 666 lautet. Bis zum Ende seines Lebens sollte Aleister alles daran setzen, diesem archetypischen Bild gerecht zu werden. Viele behaupten, er war zum Schluss selbst davon überzeugt, dass er dieses biblische Wesen verkörperte.

In der Schule für die Kinder dieser Glaubensgemeinschaft erlebte Aleister vieles, was ihn von seinem elterlichen Glauben abbrachte - ja, er entwickelte dort sogar einen regelrechten Hass auf die Brüdergemeinschaft und ihren Glauben, der sein ganzes ereignisreiches Leben lang anhalten sollte.

   
Im Oktober 1895, im Alter von 21 Jahren und im Besitz seines Erbes von £ 30.000, trat Aleister in das Trinity College von Cambridge ein. Er verbrachte drei glückliche Jahre an dieser Universität: Er sammelte seltene Bücher, schrieb viele Gedichte, widmete sich dem alpinen Bergsteigen - und begann sich für Okkultismus zu interessieren.

1898 wurde er als Neophyt in den "Hermetischen Orden der Golden Dämmerung" aufgenommen, eine halbgeheime Sekte, die sich mit dem Studium der okkulten Künste und Wissenschaften sowie mit Geisterbeschwörungen, Weissagungen und Alchemie befasste.

Die meisten seiner Sektenbrüder waren für Aleister Crowley "absolut unbedeutende Figuren", zwei davon allerdings beeindruckten ihn durch ihre magischen Fähigkeiten: Cecil Jones und Allan Bennett. Mit letzterem teilte er seine Londoner Wohnung, wo die beiden zahlreiche okkulte Experimente durchführten, darunter eine Konsekration, das heißt die Weihung eines Talismans mit magischen Kräften zur Heilung von einer schweren Krankheit.

Dieser Talisman wurde entsprechend präpariert und der kranken Lady Hall überbracht; leider jedoch hielten sich weder Lady Hall noch ihre Tochter an Crowleys minutiöse Anweisungen. Als man der ehrwürdigen alten Dame den Talisman auflegte, erlitt sie eine Reihe von Herzanfällen und wäre um ein Haar daran gestorben.


Die Ehe (eine verabscheuungs-würdige Institution, wie Crowley sie später bezeichnete) mit der Pfar-rerstochter Rose Kelly verlief schein-bar glücklich - bis er entdeckte, dass sie Alkoholikerin war. Nach seiner Scheidung pflegte er seine zahl-reichen Geliebten "Scharlachrote Frauen" zu nennen.
   
Die Konsekration, die diese unerquickliche Wirkung hervorrief, fand vermutlich im "Weißen Tempel" in Crowleys Wohnung statt - einem mit Spiegeln ausgekleideter Raum, den Crowley der Weißen Magie (Zauberpraktiken zum Wohle der Menschen) geweiht hatte. In seiner Wohnung befand sich aber auch noch ein anderer Raum. Der so genannte "Schwarze Tempel". Hier ruhte ein Altar auf dem Bild eines schwarzen Mannes, der auf seinen Händen stand; außerhalb gab es ein Skelett, dem Crowley angeblich Spatzen opferte.


   


Allan Bennett war einer der wenigen Männerm, die Crowley respektierte. Er bescheinigte Bennett einen "reinen, glasklaren und tiefgründigen Geist, der jedem anderen überlegen war." Er hatte ihn in der Magie unterwiesen, als sie beide noch Mitglieder im "Orden der Gol-denen Dämmerung" waren. Später trennten sich ihr Wege: Bennett wanderte nach Sri Lanka Aus und wurde Mönch, Crowley wurde das "Große Tier".
Unsichtbare Vandalen

In der ganzen Wohnung muss eine ausgesprochen düstere Atmosphäre geherrscht haben. Eines Abends im Jahre 1899 gingen Crowley und ein befreundeter Okkultist zum Abendessen aus. Bei ihrer Rückkehr fanden sie die verschlossene Tür zum Weißen Tempel auf mysteriöse Weise geöffnet und den ganzen Raum in höchster Unordnung vor: die Möbel verrückt, die magischen Symbole wild zerstreut. Beim Aufräumen sahen Crowley und sein Freund hellseherisch angeblich "halbmate-rialisierte Wesen … die in schier endloser Prozession im Raum herummarschierten."

Im Jahr 1900 spaltete sich der "Orden der Goldenen Dämmerung" in zwei konkurrierende Lager. Crowley schaffte es, sich mit beiden anzulegen, verlor aber im Laufe der folgenden drei Jahre das Interesse am westlichen Okkultismus. Er schrieb Gedichte, reiste um die Welt und heiratete eine Frau, die er "Ouarda die Seherin" nannte, obwohl sie über Okkultismus kaum etwas wusste.

Im März des Jahres 1904 hielt sich das Paar in Kairo auf. Crowley wollte seiner Frau seine okkulten Fähigkeiten demonstrieren und hielt eine Reihe magischer Rituale ab. Wenn man Crowleys Aufzeichnungen Glauben schenken kann, geschah dabei etwas Ungeheuerliches: Er empfing von irgendwoher eine Botschaft, in der ihm verkündet wurde, dass sehr bald eine neue geschichtliche Epoche beginnen würde und dass er, Crowley, als Prophet dieses neuen Zeitalters ausersehen wäre. Auch Crowleys Frau erhielt eine Botschaft: Ihr Mann sollte sich an drei aufeinander folgende Tage mit Stift und Papier jeweils eine Stunde lang bereithalten. Die Götter würden ihm dann das Evangelium dieses neu heraufziehenden Zeitalters diktieren, wobei nur er als der Auserwählte ihre Stimmen hören könnte.

Crowley befolgte diese Anweisungen. Er hörte - vermutlich aus den Tiefen seines eigenen Geistes - tatsächlich eine Stimme und schrieb die Worte auf. So entstand das Buch des Gesetzes, ein lyrisches Prosawerk, von dem er glaubte, dass es auf die gleiche Weise inspiriert wurde wie vormals die Bibel.
   
Die Bedeutung einiger Textstellen in diesem Buch des Gesetzes liegt im Dunkeln, und Crowley gab zu, dass er einige Passagen selbst nicht verstand. Die Grundbotschaft war jedoch eindeutig: Crowley war der Prophet einer neuen Ära - dem so genannten Zeitalter des Horus. In dieser Ära würden die alten Religionen - Christentum, Islam und Buddhismus - alle vergehen und durch einen neuen Glauben an "Kraft und Feuer" ersetzt werden, als dessen Grundprinzip die vollständige Selbsterfüllung galt. "Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern", so wurde ihm mitgeteilt - mit anderen Worten, jeder hat das Recht, sich auf seine Weise zu entfalten. "Tue, was du willst, soll das Gesetz sein", hieß es in dem neuen Evangelium. "Du hast kein Recht, als zu tun, was du willst" und "Das Wort der Sünde heißt Einschränkung".

Um Crowley und seinen Anhängern gerecht zu werden, muss man darauf hinweisen, dass er selbst immer betont hat, dass die Maxime "Tue, was du willst" kein Aufruf zur schrankenlosen Willkür sei, sondern vielmehr bedeutet, dass jeder seinen wahren Willen, seinen eigenen Weg finden muss, der mit seiner inneren Natur in Einklang steht.

Einige Jahre lang glaubte Crowley nur halbherzig an die Wahrheit und Bedeutung des Buchs des Gesetzes, aber um 1910 war vollkommen von dieser Idee beherrscht und verbrachte von da an den Rest seines Lebens damit, seine Botschaft zu verbreiten und andere davon zu überzeugen, dass er, Crowley, ihr neuer Messias sei.
   
Trotz oder oftmals lächerlichen Posen, in denen sich Crowley gefiel, schien es ihm im Kern mit seiner Magic ernst zu sein. Seine Vielzitierte und häufig mißverstandene Maxime "Tue, was du willst, soll das Gesetzt sein" wurde untermauert durch die Forderung "Liebe ist das Gesetz; Liebe unter Willen". Er forderte seine Anhänger stets dazu auf, ihr Wahres Selbst zu entdecken, weil er dies für den göttlichen Sinn und Zweck hielt.

Möglicherweise bezog er diesen Gedanken von Dr. Dee, einem Magier der elisabethanischen Zeit, der geschrieben hatte: "Tue, was dir am liebsten ist…" Ein ungeweihter konnte dies leicht als Aufforderung für moralische Zügellosigkeit auffassen. Nun, mehr als einmal Verfiel auch Crowley selbst dieser Versuchung.
 
Er schrieb zu diesem Zweck mehrere Bücher und gründete zwei okkulte Orden, hielt in der Londoner Caxton Hall öffentlich okkulte Zeremonien ab und richtete in einem halbverfallenen Bauernhaus auf Sizilien eine "Abtei" ein, deren Bewohner sich der Ausübung des neuen Glaubens widmeten.

In den Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges führten Crowley und seine Anhänger in England eine groß angelegte Glaubenskampagne durch. Sie war ziemlich erfolglos, obwohl Crowley und seine Freunde viel Geld in die Sache investierten. Nur eine Handvoll Menschen ließ sich bekehren, und Crowley hatte eine ziemlich schlechte Presse. 1914 brach er auf nach Amerika, wo man, so hoffte er, seiner Glaubensbotschaft aufgeschlossener gegenüberstehen würde - und auch seiner Lehre von der Magick, einer Verknüpfung westlicher okkulter Praktiken mit den Lehren aus dem Buch des Gesetzes und aus dem Tantrismus, einer Yogalehre, deren rituelle Sexualpraktiken er aus fernöstlichen Quellen bezogen hatte.

Die neue Welt zeigte sich von Crowley Heilslehren jedoch noch unbeeindruckter als die alte, und der selbsternannte Prophet verbrachte in Amerika sechs nicht besonders glückliche Jahre. Er war ständig in Geldnot und konnte nur wenige Amerikaner konvertieren.

 


Die Violinistin Leila Waddell Assistierte Crowley bei seinen rituellen Zeremonien. Bei der Aufführung seiner Eleusinischen Riten in der Londoner Caxton Hall im Jahre 1919, zu der die Öffentlichkeit Zutritt hatte, spielte sie Violine. Crowley behauptete, er habe sie magisch von einer "frünftklassigen Fied-lerin" in ein musikalisches Genie verwandelt - allerdings nur für diesen einen Abend.
1920 kehrte er mit zwei Mätressen nach Europa zurück (Crowley hatte stets ein ausschweifendes Liebesleben geführt) und gründete in Sizilien die Abtei Thelema (griechisch: Wille). Die Sizilianer erwiesen sich Crowley und seiner Magick gegenüber überraschend tolerant. In der folgenden Zeit suchte eine ganze Reihe von treuen Anhängern und interessierten Neugierigen seine Abtei auf, darunter die ehemalige Schauspielerin Jane Wolfe, der Mathematikprofessor Norman Mudd und Raoul Loveday, ein hochbegabter Oxford-Absolvent, die sein Leben Crowleys neuer Religion verschrieb.

Loveday starb während seines Sizilienaufenthaltes, vermutlich an einer Dünndarmentzündung. Seine Frau jedoch glaubte, dass sich ihr Mann während einer magischen Zeremonie durch das Trinken von Blut eine Vergiftung zugezogen hatte und startete nach ihrer Rückkehr nach London in der Presse eine Hetzkampagne gegen Crowley, in der er als "Teufel in Menschengestalt" denunziert wurde. Schließlich musste er seine Abtei schließen und wurde offiziell aus Italien ausgewiesen.

Crowleys letzte Lebensjahre verliefen ziemlich ereignislos. Er reiste ziellos durch Europa - ein einsamer und zunehmend verbitterter Mann, bis er 1947 starb. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nur noch eine Handvoll Anhänger. Heute hingegen glauben wieder Tausende an seine Botschaft, und in mancherlei Hinsicht scheint Crowleys Glaubenslehre heutzutage besser anzukommen als zu seinen Lebzeiten.