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Der
Fall Anneliese Michel - Todesfalle Kirche
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Als die 23jährige Anneliese Michel
aus Klingenberg am Main im unterfränkischen Landkreis
Miltenberg am 1. Juli 1976 starb, wog sie nur noch 31 kg.
Zuletzt verweigerte sie die Nahrungsaufnahme. Als die Tragödie
öffentlich wurden, fragten sich viele: Hätte sie
verhindert werden können? Und: Welcher Zusammenhang
besteht zwi-schen ihrem Tod und dem offiziellen römisch-katholischen
Exorzismus nach dem Rituale Romanum von 1614, der kurz zuvor
67 mal an ihr durchgeführt wurde? Der Würzburger
Bischof Josef Stangl hatte die Teufelsaustre-ibung an der
Pädagogikstudentin in der von Papst Pius XII. 1954
erweiterten Form des Rituale Romanum zuvor genehmigt. Doch
was als Gottes Hilfe gedacht war, hat offensichtlich
alles nur noch schlimmer gemacht. Der römisch-katholische
Glaube des Mädchens und der späteren jungen Frau
war für sie letztlich die Sackgasse, aus der kein Weg
zurück ins Leben mehr möglich war. Dass hier womöglich
nur die Spitze eines Eisbergs sichtbar wurde, deutet der
Exorzismus-Experte Pater Adolf Rodewyk an, der im Auftrag
der römisch-katholischen Kirche auch die Teufelsaustreibungen
in Klingenberg prüfte und diese nicht beanstandete.
"Sie können annehmen, dass es immer Fälle
von Besessenheit gibt. Sie kommen wenig in die Öffentlichkeit,
aber es läuft immer was." (Main-Echo, 7.4.1978),
so der Jesuit Rodewyk. Und auf die Frage, ob es auch schon
ähnliche Fälle mit töd-lichem Ausgang gegeben
habe, antwortete der Exorzist: "Ja, natürlich."
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| Der Evangelische Theologe
und Exorzismus-Forscher Uwe Wolff nannte sein Buch zum Thema:
Das bricht dem Bischof das Kreuz Die letzte Teufelsaustreibung
in Deutschland 1975/76 (1). Doch ist dem Bischof tatsächlich
im übertragenen Sinn das Kreuz gebrochen?
Kurze Zeit später (1979) ist Bischof Josef Stangl gestorben,
doch weder er noch die römisch-katholische Kirche wurden
bis heute für den Tod der jungen Frau zur Verantwortung
gezogen. Die nachfolgende Untersuchung zeigt jedoch auf, warum
Anneliese Michels römisch-katholischer Glaube und ihre
Bindung an die römisch-katholische Kirche für sie
zur Todesfalle werden mussten. |
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Index
» Annelieses seelische
Traumatisierung
» Du bist verdammt! Du
bist verdammt! Du bist verdammt
» Die Muttergottes
und die Schlange
» Selbstanklagen
» Das Exorzismus-Ritual
» Die Dämonen
wollen nicht in die Hölle
» Anneliese Michel - ein Opfer
des Dogmas der ewigen Verdammnis?
» Der katholische Exorzismus hat
mit Jesus nichts zu tun
» Religion des Todes
» Umdeutung zur Heiligenlegende
» Das Ergebnis der Obduktion
» Die Lüge des Bischofs und
die Folgen
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Annelieses
seelische Traumatisierung
Anneliese Michel wird am 21.9.1952 in Leiblfing bei Straubing
in Niederbayern in der Heimat ihrer Mutter geboren (Ein
Foto auf www.anneliese-michel.de.ms zeigt sie als junge
Studentin). Sie entstammt einem streng katholischen Elternhaus
und Milieu am bayerischen Untermain. Anders als die meisten
ihrer Altersgenossinnen geht sie als Jugendliche mehrmals
wöchentlich zur Messe, betet Rosenkränze und versucht,
noch mehr als das zu tun, was die Kirche von ihren Gläubigen
verlangt. So schläft sie z. B. zur Sühne für
Rauschgiftsüchtige, die sie am Aschaffenburger Hauptbahnhof
beobachtet hat, selbst im Winter manchmal auf dem Fußboden.
Doch gleiten dem Mädchen auch die Zügel seines
eigenen Lebens mehr und mehr aus der Hand. Im Jahr 1968
beißt sie sich z. B. bei einem Krampfanfall in die
eigene Zunge. Ein Neurologe diagnostiziert eine Epilepsie
vom Typ Grand Mal, wogegen sie erstmals anti-epileptische
Mittel erhält. Doch diese helfen nicht gegen eine religiöse
Gedanken- und Bilderwelt, die sich immer mächtiger
in ihr aufbaut und die Anneliese immer weniger kontrollieren
kann. So erscheinen ihr beim Rosenkranzgebet Teufelsfratzen,
die sie schließlich bis zu ihrem Tod quälen und
verfolgen. Auch hört sie Stimmen, die ihr vorhersagen,
sie werde in der ewigen Verdammnis landen, in der nach römisch-katholischer
Lehre z. B. alle Menschen enden, welche wesentliche Glaubenslehren
der katholischen Kirche nicht befürworten oder auch
nur "beharrlich" daran zweifeln.
An ihrem Todestag, dem 1.7.1976, ordnet der Staatsanwalt
eine Obduktion der Leiche an, bei welcher die Ärzte
zu dem Ergebnis kommen: Annelieses Leben wäre
zu retten gewesen, wenn man die Kranke vor den krankmachenden
Faktoren ihrer Umwelt abgeschirmt hätte (zitiert
bei Wolff, S. 15).
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Du bist
verdammt! Du bist verdammt! Du bist verdammt!
Doch Anneliese gelingt es nicht, sich aus ihrem streng dogmatischen
Umfeld zu befreien im Gegenteil: in ihren schwersten
Krisen lässt sie sich nahezu hilflos in das Milieu
hineinfallen, in dem die maßgeblichen Wurzeln der
Tragödie liegen. Der erste Exorzismus begann neun Monate
vor ihrem Tod. Und in ihren letzten Lebenstagen wirkt sie
zudem selbstzerstörerisch und selbstverstümmelnd
an ihrem Tod mit.
Während der Exorzismen kommen zunächst verstärkt
die ungelösten Kindheits- und Jugendprobleme von Anneliese
Michel zum Vorschein. Ein Beispiel: Jeden Morgen um 6 Uhr
wurde sie als Kind zur Frühmesse geweckt. "Die
Oma hat sie in die Kirche hineingeschleift. Sie war sechs
Jahre alt. Die Oma hat sie fast jeden Tag vom Bett herausgezogen,
sagt einer der Dämonen durch Anneliese
im Jahr 1975 (S. 53 f.). Die Bauersfrau Barbara Weigand
(1858-1943) aus dem benachbarten Rück-Schippach, die
jeden Morgen zu Fuß in die Aschaffenburger Kapuzinerkirche
ging, um die Hostie zu empfangen, jeden Tag fünf Stunden
hin und fünf Stunden zurück, gilt in der Familie
als Vorbild. Doch was hat sich dabei in dem kleinen Mädchen,
das trotz seiner Bereitschaft zum Kirchgang natürlich
auch gerne ausgeschlafen hätte, innerlich aufgebaut?
Anneliese wagt vieles im Laufe ihres kurzen Lebens nicht
selbst auszusprechen, was dann später die Dämonen
durch sie umso heftiger zum Ausdruck bringen.
Anneliese will zeitlebens ein liebes und gehorsames
Kind sein. Sie kümmert sich oftmals rührend um
andere Familienmitglieder und fügt sich ein in alle
vorgegebenen Traditionen und Gebräuche. So wurde beispielsweise
der 13. eines Monats in der Familie als Tag der Jungfrau
von Fatima in Ehren gehalten. Das ist ihr Scheiß-Tag,
so jedoch ein Dämon aus Anneliese über
den 13.10.1975 im Hinblick auf die Jungfrau von Fatima (S.
46). In der Ich-Form hätte Anneliese Michel niemals
solches zu sagen gewagt.
Schon früh glaubt Anneliese, eine Verfluchung wäre
der Grund, dass ihr so zugesetzt würde. Eine Frau hätte
diesen Fluch bei ihrer Geburt über sie ausgesprochen.
Diese Vorstellung trägt wohl auch dazu bei, dass sie
viele ihrer Gedanken, Gefühle und Empfindungen nicht
wirklich zulässt und als ihre eigenen annimmt. Dann
hätte sie daraus wahrscheinlich andere Schlussfolgerungen
für ihr Leben ziehen können als die angebliche
Wirksamkeit einer Verfluchung. So aber begleitet sie das
Gefühl der Verworfenheit und Verdammnis, seitdem in
ihrer Pubertät wie bei jedem Jugendlichen Gefühle
verrückt gespielt haben und normalerweise auch rebellische
Gefühle gegen die Welt der Erwachsenen auftreten. Von
sich selbst sagt Anneliese Michel, dass sie etwa seit ihrem
13. Lebensjahr besessen gewesen sei, also zeitweise nicht
mehr in der Lage, ihr Leben durch ihr Oberbewusstsein eigenverantwortlich
kontrollieren zu können. In einem Brief an Pfarrer
Ernst Alt, einen der beiden Exorzisten, schreibt sie z.
B. im Jahr 1974: Ich heulte oft abends für mich
... Von Gott fühlte ich mich irgendwie total verlassen.
Damals war ich schon ziemlich umsessen [Anmerkung: Umsessen
sein kann als eine sinnvolle Umschreibung für eine
Vorstufe zu einer denkbaren Besessenheit verstanden
werden. In diesem Stadium spürt der Betroffene bereits
die Nähe als fremd erlebter Mächte,
wird aber noch nicht von ihnen beherrscht]. Ich wollte mich
immer umbringen. Dortmals hatte ich höllische Angst,
wahnsinnig zu werden vor Verzweiflung ... (S. 91).
Offenbar hat hier der nicht eingestandene Widerstand gegen
die katholischen Normen ihrer Kindheit bereits angefangen
sich zu verselbstständigen. Und dass der strenge katholische
Gott ihrer Kindheit ihr nicht dabei hilft, ihre eigene Mitte
zu finden und ein glücklicher junger Mensch zu werden,
ergibt sich zwangsläufig daraus, dass dieser kirchliche
Gott weder für Zweifel an ihm Verständnis hat
noch für Sünden aus jugendlichem Übermut.
Zeichen dieser Umsessenheit sind z. B. längere
gedankliche Abwesenheiten. Diese hat ein Betroffener unter
Umständen durch über Jahre hinweg immer wieder
praktizierte gedankliche Fluchten in eine Phantasie- und
Bilderwelt selbst verursacht. Und das ist im Extremfall
eine Vorstufe zu einer Persönlichkeitsspaltung. Denn
die Gedanken bzw. die Aufmerksamkeit des Menschen, der sich
immer wieder in bildhafte Traumwelten flüchtet, befinden
sich dann ja nicht bei seinem Körper und im Geschehen
der Gegenwart, sondern in der selbst geschaffenen Bilderwelt.
Und wie würde dann aus einer Umsessenheit eine Besessenheit?
Dazu folgende Überlegung: Wenn ein Mensch immer häufiger
gedanklich seinen Körper verlässt und in eine
Phantasiewelt abtaucht, könnte es dann nicht sein,
dass sich andere Kräfte mit der Zeit dieses Körpers
bemächtigen können? Denn der Körper ist ja
frei, wenn die Seele des Menschen, die ihn normalerweise
durchdringt, diesen verlassen hat, um gedanklich eben der
Wirklichkeit zu entfliehen. Damit könnte man erklären,
dass Besessenheit vorausgesetzt, dass
es sie gibt einen Menschen nicht aus heiterem Himmel
überfällt, sondern als langfristige Folge eigenen
Verhaltens.
Nachweisbar ist, dass Anneliese Michel irgendwann nicht
mehr in der Lage ist, die Abwesenheiten mit dem Oberbewusstsein
zu kontrollieren und zu beenden. Dies könnte der Beginn
der Besessenheit gewesen sein. Bei Anneliese
Michel geht es in der Anfangszeit schon so weit, dass sich
dann z. B. Stimme, Gesichtsausdruck, Körperhaltung
und Körpergeruch extrem veränderten. Die Stimme
wird tief bzw. gellend und ein anderes Ich beginnt
zu reden. Die Augen bekommen einen bedrohlichen Glanz, der
ganze Körper wird steif und beginnt, äußerst
unangenehm zu riechen, begleitet von heftigen Schweißausbrüchen.
Und die Hände formen sich krallenartig. Doch warum
passiert dies bei einzelnen Menschen? Bei anderen aber nicht?
Worin bestanden Annelieses Probleme?
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Die
Muttergottes und die Schlange
Wie alle junge Mädchen interessiert sich Anneliese Michel
als Jugendliche z. B. für die aktuelle Hitparade oder
für Mode. Ein Beispiel: Dass sie wie andere junge Frauen
Hosen tragen darf, vor allem im Winter, wenn es draußen
kälter ist, wird ihr von den Eltern nicht erlaubt. Anstatt
entweder den Konflikt durchzustehen oder den Eltern bewusst
nachzugeben, flieht Anneliese harmoniebedürftig in eine
angebliche Marieneingebung. Ihre Mutter erzählt: Da
hat die Muttergottes mit ihr gesprochen und hat gesagt, sie
sollte keine Hosen tragen, da wär man wie ein Mann und
sie möchte das nicht haben. Da hat Anneliese keine mehr
angezogen" (S. 69). So wird also das Problem durch eine
angebliche Einsprache Marias gelöst, und
bereits hier ist es nicht mehr das Mädchen Anneliese,
das selber entscheidet. Als kirchlich ergebenes Kind gehorcht
sie dieser Einsprache und schafft auch so die Voraussetzung
für weitere fremde Einflüsse auf ihre Person. Und
in einigen Jahren werden noch ganz andere Instanzen auf diese
Weise mit Anneliese sprechen als eine der Mode widersprechende
Muttergottes.
In einem Gespräch äußert sie im Jahr 1975:
Ich hatte oft Angst, die eigentlich unbegründet
war, und war deshalb oft schweißgebadet. Ich hatte schon
immer dunkle Vorahnungen und musste schon damals an Neujahr
oder meinem Geburtstag weinen, da ich immer Schlimmes auf
mich zukommen sah (S. 191). Doch was eine massive Warnung
hätte sein können, innezuhalten und die Botschaft
der Angst und Ahnungen verstehen und manches rechtzeitig wenden
zu können, wird nicht als solche verstanden. Und so bahnt
sich tatsächlich von Tag zu Tag mehr ein schweres Schicksal
an. Die höllische Drohbotschaft der katholischen Kirche
an Sünder, Zweifler und mögliche Abtrünnige
steckte dabei wie ein giftiger Pfahl in der Seele des Mädchens.
Und dieser Umstand verhindert wohl, dass Anneliese Michel
auch andere Seiten an sich entdeckt und nicht immer nur das
Idealbild aus ihrem Oberbewusstsein, eine ergebene
junge Katholikin sein zu wollen.
Einmal während der Abiturprüfung kann Anneliese
keinen klaren Gedanken mehr fassen. Stattdessen hört
sie in ihrem Inneren in ständiger Wiederholung: Du
bist verdammt! Du bist verdammt! Du bist verdammt! (S.
97) Als ihr Freund Peter Himsel, der später im selben
katholischen Studentenwohnheim in Würzburg wohnt wie
sie (im Ferdinandeum in der Schlörstraße 2), im
Rückblick nach dem Warum fragt, bezichtigt sich Anneliese
ohne Selbstbewusstsein selbst: Ich hätte mehr beten
müssen. Ich bin selbst daran mitschuldig (S. 190).
Anneliese beklagt aber nicht, Warnungen verdrängt zu
haben oder wichtige Hinweise aus ihrem Alltag, sondern sie
klagt sich einmal mehr an, die katholischen Normen zu verfehlen.
Und nach dem Besuch eines Nervenarztes notiert dieser: Sie
habe keine Entscheidungskraft (S. 99). Anneliese nennt
sich selbst Schlange. Und zu einer Bekannten sagt
sie: Wenn Sie wüssten, was ich alles gegen Gott
getan habe! Ich kann nicht beichten. Wenn Sie wüssten,
was ich für eine bin, was ich für eine Schuldige
bin! (S. 116) |
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Selbstanklagen
Hier ist sie nahe daran, das Versteckspiel aufzugeben
und sich zu ihren Gedanken-Bildern, geheimen Wünschen
oder vielleicht verborgenen Taten zu bekennen, was eine
große Chance für einen verantwortlichen Umgang
damit hätte sein können. "Wenn Sie wüssten",
worum es sich dabei handelt, so Anneliese Michels Worte
zu der Bekannten. Nahe liegend ist der Bereich der Sexualität,
wie z. B. die Selbstbezeichnung Schlange vermuten
lässt. Wurden etwa immer wieder verdrängte sexuelle
Wünsche mit der Zeit heftiger? Das wäre immerhin
die logische Folge einer Verdrängung. Nach der katholischen
Lehre verführt die Schlange als Symbol für
Luzifer die Frau, die anschließend den Mann
verführt. In der biblischen Sündenfallgeschichte,
auf die sich die katholische Kirche beruft, steckt auch
viel sexuelle Symbolik, z. B. in 1. Mose 3, 7, wenn es heißt,
... sie [Adam und Eva] wurden gewahr, dass sie nackt
waren. Deshalb gilt die Schlange auch als Ur-Bild
der sexuellen Verführung. Und später wird Luzifer,
die personifizierte Schlange, einer der Dämonen
sein, der aus Anneliese spricht. Und es mutet wie eine makabre
Fortsetzung der biblischen Geschichte an, wenn Anneliese
sich unter seinem Einfluss oftmals gezwungen sieht, sich
vor anderen nackt auszuziehen eine Spätfolge
vielleicht auch von immer brutalerer Selbstkasteiung. Ebenfalls
unter dem Einfluss dieses Dämons nimmt
sie empfindungsgemäß auch einzelne sexuelle Verfehlungen
von Klingenberger Bürgern am Rande des Volksfestplatzes
wahr, während sie selbst sich aber in einiger räumlicher
Entfernung in ihrer Wohnung aufhält.
Vielleicht spielen bei Anneliese Michels Selbstanklagen
auch unausgesprochene Vorwürfe z. B. an ihren Vater
Josef Michel eine Rolle, den sie sehr gern hat, von dem
sie sich jedoch kaum verstanden fühlt und der ihr Leben
einschränkt? Unter dem Zwang der Dämonen
startet sie später manche wilde Kuss-Attacke auf ihn
auch hier Anzeichen einer völlig aus dem Ruder
laufenden Körperlichkeit bzw. Sexualität. Oder
geht es bei all´ den dramatischen Ereignissen vor
allem um das Aufbegehren gegen den katholischen Kinderglauben,
der ja immer auch mit einer sehr strengen Sexualmoral verbunden
ist? In klaren Augenblicken ist sich Anneliese selbst bewusst,
dass sie den Anforderungen des katholischen Glaubens und
ihrer katholischen Erziehung vielfach nicht entspricht,
während sie nach außen krampfhaft den Schein
zu wahren versucht, was sich körperlich womöglich
bis hin zu den unkontrollierten Verkrampfungen der epileptischen
Anfälle zeigt, welche die Ärzte diagnostizieren.
(Anmerkung: Besessenheit oder Epilepsie
sind für den Autor nicht zwei Alternativen, die sich
bei der Deutung von Anfällen gegenseitig ausschließen
müssen. Sie könnten unter Umständen
nicht generell auch zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen
desselben Phänomens sein; siehe auch weiter unten)
Ob es also im wesentlichen diese hier dargelegten Komponenten
sind, aus denen sich Annelieses Schuldbewusstsein zusammensetzt
oder ob es noch weitere gibt, kann man nicht genau wissen.
Denn ihr Tagebuch, das einen detaillierteren Aufschluss
über ihre Seelennöte geben könnte, geht nach
ihrem Tod in kirchlichen Kreisen verloren. Wohl
aus gutem Grund. Zum einen lässt sich eine Schlange
in der katholischen Frömmigkeit nicht so gut verehren.
Und zum anderen könnte man aus ihren Aufzeichnungen
vielleicht noch mehr über die mit ihrer Selbstverurteilung
verbundene panische Angst vor der ewigen Verdammnis erfahren.
Und das würde ein noch schlechteres Licht auf die römisch-katholische
Kirche werfen, welche ihr das tödliche Gift dieser
Vorstellung eingeträufelt hat.
Doch auch so scheint klar: Um diese grausamste aller Vorstellungen
abzuwehren, spaltet Anneliese in sich das aufkeimende Nicht-Katholische
mehr und mehr ab als nicht zu ihr gehörig, und sie
liefert somit einen idealen Nährboden für die
Dämonen. Am Ende ihres Lebens ist Anneliese
nicht mehr nur schizoid, sondern innerlich geteilt,
und sie erlebt verstärkt, wie nun offenbar fremde Kräfte
sich immer mehr dieser gegensätzlichen Persönlichkeitshälften
in ihr bemächtigen. Und diese Kräfte kann sie
immer weniger selbst steuern.
In dieser Situation erwartet Anneliese Michel Heilung ausgerechnet
von der römisch-katholischen Kirche, an deren Verdammnis-Lehre
sie erkrankte. So willigt sie lange Zeit immer wieder ein,
dass an ihr der römisch-katholische Exorzismus nach
dem Rituale Romanum durchgeführt wird.
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Das Exorzismus-Ritual
Ich beschwöre dich, unreiner Geist, jeden Einfluss
des bösen Feindes, jedes Gespenst und jede teuflische
Heerschar, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Verschwinde
und fahre aus von diesem Geschöpf Gottes! Mit
solchen Beschwörungsformeln versuchen katholische Exorzisten
bis heute, Dämonen auszutreiben. Nach dem Desaster
von Klingenberg in Deutschland unter noch größerer
Geheimhaltung als zuvor. Umso häufiger jedoch auch
öffentlich z. B. in Italien, Spanien und in Ländern
der Dritten Welt. Nach der Intensivierung der katholischen
Exorzismus-Ausbildung durch Papst Benedikt XVI. seit Sommer
2005 könnte sich dies aber auch in Deutschland bald
wieder ändern. Denn die Ereignisse von Klingenberg
liegen jetzt [Juli 1005] schon über 29 Jahre zurück.
Die beiden Exorzisten, Pfarrer Ernst Alt aus Ettleben bei
Schweinfurt, der Vertraute von Anneliese Michel, und Pater
Arnold Renz aus dem benachbarten Rück-Schippach, der
im Auftrag des damaligen Bischofs von Würzburg, Josef
Stangl (1907-1979, Bischof seit 1957), den katholischen
Exorzismus durchführt, bringen es auf 67 Sitzungen.
Die erste davon dauert über viereinhalb Stunden. 42
Sitzungen werden auf Tonband aufgenommen, so dass die Prozeduren
umfassend dokumentiert sind.
Die Dämonen, die aus Anneliese sprechen,
nennen sich Kain, Nero, Judas, Luzifer oder Hitler, oder
es sind Vertreter der katholischen Fraktion, die sich Joseph
oder Maria nennen. Anneliese versteht sich dabei
jeweils als Objekt fremder Kräfte. Zu ihrem Freund
Peter sagt sie: Ich spreche da überhaupt nicht
mehr. Meine Stimme wird einfach benutzt. Ich höre mir
praktisch zu. Ich bin das überhaupt nicht. Ich höre
interessiert zu, und diese Bewegungen da und wie ich mich
wehre, das mache ich auch nicht, das geschieht einfach mit
mir. Ich stehe über der Sache und bin Beobachter.
Was Anneliese Michel hier berichtet, klingt glaubhaft. Mittlerweile
gibt es viele Erfahrungsberichte ähnlicher Art. Diese
sind zumindest ein Indiz dafür, dass es tatsächlich
ein Phänomen gibt, das man Besessenheit
nennen kann und das unter Umständen auch der geistige
Hintergrund einer Epilepsie sein könnte. Anneliese
Michels Schilderungen könnten dann darauf hinweisen,
dass sich ihre eigene Seele teilweise außerhalb des
Körpers befindet, während hauptsächlich die
fremden Seelen durch ihren Körper agieren.
Die möglichen geistigen Hintergründe könnte
man dann wie folgt skizzieren: Man würde davon ausgehen,
dass beim Tod eines Menschen jeweils die unsterbliche Seele
ihre sterbliche Hülle, den Körper, verlässt.
Die unsterbliche Seele lebt im Jenseits auf verschiedene
Art und Weise weiter, wobei manche Seelen wieder den Kontakt
zur Erde und ihren Bewohnern suchen. Über Menschen,
die sich für solche Einflüsse freiwillig oder
unfreiwillig öffnen, so genannte Medien, kann eine
Seele aus dem Jenseits auch mit unserer diesseitigen Welt
Kontakt aufnehmen. Dies ist jedoch den Erfahrungsberichten
zufolge nicht beliebig möglich. Die jenseitigen Kräfte
werden vor allem dort tätig, wo sie bei einem Menschen
bereits Gleiches oder Ähnliches vorfinden wie das,
was sie dann durch ihr Medium durchgeben. Dies würde
erklären, dass Annelieses Dämonen
teilweise genaue Anweisungen geben, welchen Kurs die katholische
Kirche einzuschlagen hat, was sich in diesen Fällen
mit Annelieses eigenen Anschauungen oder denen der Exorzisten
deckt. Z. B. fordert ein Dämon, die Hostie dürfe
dem Gläubigen beim Abendmahl nicht in die Hand gegeben
werden, sondern müsse ihm wie die Jahrhunderte zuvor
weiterhin in den Mund gesteckt werden, so wie es der Exorzistenpater
Arnold Renz auch glaubt. Aus diesem Grund kann auch bezweifelt
werden, dass es sich bei einigen der Dämonen
wirklich um die Seelen von Hitler, Nero, Judas oder Luzifer
handelte, als die sie sich ausgeben. Hier könnte es
sich auch um Wichtigtuerei handeln. Schon eher könnte
sich tatsächlich die Seele von Pfarrer Fleischmann
bemerkbar gemacht haben, dem verstorbenen Pfarrer aus einem
benachbarten unterfränkischen Ort, der den Zölibat
gebrochen hatte.
Dabei ist hier eines gewiss, auch für den, der diese
mögliche Deutung nicht befürwortet: Die Dämonen
aus Anneliese äußern sich nicht beliebig. Sondern
sie spiegeln die mittlerweile extrem gegensätzlichen
Persönlichkeitsanteile der jungen Frau wieder, sowohl
die katholischen als auch die der katholischen Kirche gegenüber
zutiefst feindlichen und aggressiven. So lehren die Dämonen
einerseits Theologen müssen sich bessern,
sprich bessere Katholiken werden. Und andererseits
zerreißt ein Dämon durch Anneliese
immer wieder Rosenkränze, oder er wehrt sich mit unflätigen
Sprüchen oder wütendem Schreien gegen den Exorzisten,
oder er tut es mit der Selbstbehauptung Ich bin nicht
unrein.
Einen solchen Widerspruch gegen die katholische Lehre hätte
die junge Frau Michel in Ich-Form niemals gewagt, weil sie
Angst vor den Konsequenzen eines Widerspruchs hatte. Denn
dann hätte sie nach römisch-katholischer Lehre
ewig in die Hölle gemusst.
Und so scheinbar menschlich hart das in diesem Zusammenhang
auch klingt: Diese abgespaltenen Persönlichkeitsanteile
Annelieses hatten wohl kaum mehr eine andere Chance, um
sich sich Gehör zu verschaffen als dass sie sich mit
fremden Mächten bzw. Seelen verbündeten, um dann
durch diese aus der jungen Frau herauszuschreien. Anneliese
Michel lässt ihnen womöglich keine andere Chance
und muss einen grausamen Preis dafür zahlen.
Und hier treiben nun die Dämonen mit der
Angst der engagierten Katholikin, der Kirche zu widersprechen
und verdammt zu werden, ihr furchtbares Spiel, indem sie
sie zwingen, z. B. endlos auf den Knien Rosenkränze
zu beten, Kniebeugen zu machen, zwei Tage lang unter dem
Tisch zu jaulen und zu bellen wie ein Hund oder sich die
Kleider vom Leib zu reißen und nackt auf dem Boden
zu schlafen. Und schlimmer noch: Sie bringen sie dazu, Spinnen
zu essen, einem toten Vogel auf dem Dachboden den Kopf abzubeißen,
Kohlen zu kauen, sich im Kohlenstaub zu wälzen und
ihren eigenen Urin vom Boden aufzuschlürfen. Und Anneliese
gehorcht immer bis zum bitteren Ende. Ob bei klarem
Bewusstsein oder unter dem Zwang des Besessen-Seins.
Und sie gehorcht sowohl der Kirche als auch ihren Dämonen.
Die Austreibungsformeln des kirchenamtlichen Rituale Romanum,
gesprochen durch den Exorzisten Arnold Renz, der mal auf
Deutsch, mal auf Latein beschwört, sind fruchtlos.
Und so wie in nachfolgendem Beispiel geht es während
des Exorzismus schier endlos hin und her.
"Pater Renz: ´Wir werden die drei Mächte
bitten, dass sie euch in die Hölle stoßen. Wir
werden zu den Armen Seelen beten, zu den Schutzengeln, zu
den Heiligen ... ` Pater Renz beginnt mit dem Vater Unser.
´Nein, nein, nein, nein, nein!`, schreit es aus Anneliese.
´Heiliger Erzengel Michael ... du Fürst der himmlischen
Heerscharen, wolltest du den Satan und die anderen bösen
Geister, die zum Verderben der Seelen in der Welt umherschweifen,
mit Gottes Kraft in die Hölle hinab stoßen ...`"
Felicitas D. Goodman, aus deren Buch Anneliese Michel
und ihre Dämonen (2) diese Zitate stammen, schreibt
weiter: "Endlich wehren sich die Dämonen: ´Wir
bleiben noch!` knurrt einer. ´Wer erlaubt euch das?`
´Die Dame!`, bellt er. Pater Renz fängt von neuem
an zu beten und versucht eine andere Taktik: ´Es muss
euch doch eine Qual sein, hier zu bleiben! Ihr solltet doch
eigentlich mit Freuden ausfahren!` ´Nein!` ´Warum
geht ihr nicht?` ´Weil´s dort viel schlimmer
ist!`" (S. 165 f.)
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Die Dämonen
wollen nicht in die Hölle
Diese makabren Dialoge offenbaren dem, der es wahrnehmen
will, eine einfache Wahrheit. Vorausgesetzt, Anneliese Michel
wurde tatsächlich als Folge ihrer schizoiden Lebenshaltung
von jenseitigen Seelen besessen, nämlich ihren
Dämonen, dann ist es doch verständlich,
dass diese nicht in eine ewige Hölle wollen. Dahin
hatte sie die katholische Kirche schon einmal zu schicken
versucht, und dahin wollen sie die kirchlichen Amtsträger
nun wieder verdammen. Doch wer will schon freiwillig in
ein ewiges Grauen, in ewige Qualen? Niemand will dorthin.
Und eventuell war es für diese Seelen ein jenseitiges
Aha-Erlebnis, dass man auch keineswegs dort hin muss! Lieber
besetzen sie weiterhin ihr Opfer und schreien ihren Protest
durch ihr Medium heraus ein Protest, der für
die Exorzismus-Vollstrecker natürlich gotteslästerlich
klingt. Dabei sind die Schreie der Dämonen
manchmal nichts anderes als eine Fundamental-Kritik an dieser
scheinheiligen und furchtbaren römisch-katholischen
Kirchenlehre, die aus den von ihr verdammten Seelen
durch das Medium heraus bricht!
So weit eine mögliche Deutung. Doch selbst wenn man
voraussetzt, es würde sich gar nicht um Seelen handeln,
sondern nur um Persönlichkeitsanteile Annelieses,
die im Kampf mit den Exorzisten liegen, dann wäre das
im Ergebnis nicht viel anders. Auch hier ist es verständlich,
dass diese Anteile Annelieses nicht in die Verdammnis wollen.
Sie wollen als Teil der Persönlichkeit erkannt werden,
so dass ein gesunder Mensch entscheiden kann: Lebe ich das
aus, was sich in mir an Gefühlen und Vorstellungen
auftut? Oder gestehe ich es mir ehrlich ein, gebe dem aber
nicht nach, sondern bearbeite die aus meiner Sicht negativen
Ursachen dafür? Oder finde ich einen goldenen Mittelweg?
Doch bis zu dieser Fragestellung ist es bei Anneliese Michel
nicht mehr gekommen. Die Dämonen hatten
sie in ihren letzten Monaten schon zu sehr im Griff.
Auch der Dämon mit dem Namen Judas war
beteiligt. Und auch er hat verständlicherweise kein
Interesse an der Hölle: Wo soll ich denn hinfahren?
In die Hölle! Nein! Da
gehörst du hin! Nein ... nein ... nein
... nein! In die Hölle gehörst du!
Nur weil du´s verdient hast, bist du dort. Du wolltest
ja nicht dienen!
Neben ihm gibt es den Dämon mit dem Namen
Luzifer. Pater Arnold Renz wiederholt den exorzistischen
Befehl unzählige Male. Dann heißt es bei der
Buchautorin Felicitas Goodman: Pater Renz wendet sich
an die Heiligste Dreifaltigkeit, an Jesus, an die allerseligste
Jungfrau Maria, den Erzengel Michael - es nützt nichts.
Der Dämon muss sich fast erbrechen und dennoch sagt
er immer wieder: ´Nein!` Nach drei weiteren exorzistischen
Befehlen, er solle ausfahren und nie wiederkommen, scheint
er endlich im Rückzug begriffen: ´Ich bin verdammt
... weil ich nicht ... weil ich Gott nicht dienen wollte
... ich wollte selber herrschen ... obwohl ich nur Geschöpf
war.` Dann wehrt er sich wieder und fügt hinzu: ´Ich
geh nit!`
Wie Hagel prasseln die vielen Befehle des Priesters auf
den Buckel, aber er gibt sich nicht geschlagen. Er würgt
furchtbar, mit übermenschlicher Kraft, viermal hintereinander.
Einige seiner Schreie ertönen doppelt, so als habe
er zwei Mäuler. ´Du wolltest dich dem Himmel
nicht unterwerfen, nun musst du in die Hölle!` - ´Nein
... nein ... nein ... nein!` (S. 171)
Die Dämonen wehren sich letztlich erfolgreich
gegen die Versuche der kirchlichen Amtsträger, sie
in eine ewige Verdammnis zu verbannen. Wenn man solches
liest und sich bewusst macht, dass all dies eben nicht nur
auf die Dämonen, sondern auch auf die junge
Studentin niederprasselt, dass sie, die Studentin,
sich erbrechen muss und vieles mehr wundert es da
noch, dass sie diese Prozedur des römisch-katholischen
Exorzismus letztlich in völlige Hilflosigkeit und schließlich
mit in den Tod treibt?
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Anneliese Michel
- ein Opfer des Dogmas der ewigen Verdammnis?
Das Schicksal Anneliese Michels kann zum Zeugnis dafür
werden, was das römisch-katholische Dogma von der ewigen
Verdammnis bei Menschen anrichten kann, wenn man diese Lehre
und ihre allergrässlichsten Folgen tatsächlich
Ernst nimmt (siehe dazu auch: Der Theologe Nr. 19: Es gibt
keine ewige Verdammnis - auch nicht in der Bibel). Und Anneliese
Michel hat diese Lehre Ernst genommen. Es ist eine Lehre,
die zu einer Vergiftung der Seele führen kann, zu nicht
endenden Schuldgefühlen und unaufhebbarer Angst. Und
damit können Gläubige lebenslang beherrscht und
in Abhängigkeit gehalten werden.
Anneliese Michel will ja eine besonders gute und folgsame
Katholikin sein. Deshalb trifft es sie besonders hart. Gerade
empfindsame und sensible Gläubige sind für diese
Form der seelischen Einflussnahme besonders empfänglich.
Dadurch werden sie jedoch zwangsläufig krank
ekklesiogene, d. h. kirchenbedingte Neurose heißt
der Fachausdruck. Denn die Vorstellung einer Verworfenheit
in alle Ewigkeit sowie die Vorstellung nie endender grausamer
Schmerzen und Qualen widerstrebt fundamental der Sehnsucht
jedes Menschen nach Glück und nach einem Gott der Liebe,
der keines seiner Kinder auf ewig verdammt. Demgegenüber
verweigert der Gott der katholischen Kirche seine Barmherzigkeit
selbst dann, wenn eine Seele nach katholischer Vorstellung
im Jenseits ihre Vergehen bitter bereut und sich von Herzen
danach sehnt, alles wieder gutzumachen, was sie an Negativem
verursacht hat. Das hätte sie eben machen sollen,
solange sie noch als Mensch auf der Erde war, so sinngemäß
die kirchliche Antwort, wenn das Urteil zuvor auf Verdammnis
gelautet hat. Jetzt gebe es nur noch allergrausamste Dauerfolter
ohne die geringste Aussicht einer Linderung. Wenn man sich
das nur einmal ansatzweise vorzustellen versucht ...Was
für ein Gott!
Doch das war nicht immer so. Bis ins 6. Jahrhundert war
der Glaube an eine einstige Rückkehr aller gefallenen
Wesen zurück zu Gott sogar in der Kirche noch weit
verbreitet. Erst auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr
553 wurde die Lehre von der schlussendlichen Rückkehr
aller gefallenen Wesen zu Gott gestrichen und durch das
neue Dogma von der ewigen Verdammnis ersetzt. Und ausgerechnet
die Erfinder dieser Lehre bieten nun an, allein ihr Glaube
könne auch vor ihrer Erfindung bewahren. So heißt
es bereits drohend beim Kirchenlehrer Cyprianus (3. Jahrhundert):
Extra ecclesia nulla salus = Außerhalb der Kirche
gibt es kein Heil, d. h. keine Rettung. Diese Lehre wurde
vom Laterankonzil im Jahr 1215 bekräftigt und zählt
heute zu den unfehlbaren Glaubenssätzen
der Kirche (siehe Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Nr.
375). Also ohne die Kirche nur niemals endende, ewige Höllenqualen?
Mit dieser tödlichen Drohung, die heute meist subtiler
gehandhabt und verbreitet wird, versucht die Kirche bis
in die Gegenwart, ihre Gläubigen zu disziplinieren,
was übrigens auch in den evangelischen Kirchen geschieht.
Nur solche Betriebsunfälle wie bei Anneliese
Michel passen natürlich nicht ins Kalkül. Ihr
Leiden und Sterben zeigt, wenn man so schlussfolgern will,
ein gescheitertes Aufbegehren gegenüber dieser Religion
des Todes. Gescheitert letztlich, weil die nach Befreiung
Ringende voller Angst an ihren Peinigern und deren Lehren
festhält und diese nicht zu hinterfragen wagt. Der
Exorzismus verstärkt dabei diesen Irrsinn durch mittelalterliche
Rituale.
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Der katholische
Exorzismus hat mit Jesus nichts zu tun
Besetzung und Umsetzung, d. h. Besessenheit und Umsessenheit
von Menschen, scheinen zu allen Zeiten Realität. Doch
die Heilung einer solchen Besessenheit kann niemals durch
ein Exorzismusritual erfolgen; genauso wenig wie durch eine
Medizin, welche die geistig-seelischen Vorgänge hinter
den körperlichen Symptomen leugnet oder davon nichts
wissen will. Am hilfreichsten wäre wohl eine rechtzeitig
begonnene Psychotherapie, die sich der Hilfe zur Selbsterkenntnis
und einer verantwortbaren Ethik verpflichtet weiß.
Sind die Besetzungs-Phänomene jedoch schon stark ausgeprägt
und verfestigt, wird allerdings eine mögliche Heilung
zunehmend schwerer. Hierzu bedürfte es neben der Einsicht
des Betroffenen in seine Situation einer humanen Medizin
in Verbindung mit viel therapeutischem Geschick. Dabei bekäme
es der Arzt oder Therapeut je nachdem entweder mit dem Betroffenen
selbst oder den ihn bedrängenden fremden Mächten
zu tun. Der katholische Exorzismus hingegen besteht darin,
die angeblichen oder tatsächlichen Dämonen mit
einem erniedrigenden Wort-Ritual zu attackieren, wodurch
man den Ursachen des Leidens nicht auf die Spur kommt und
was die Situation des Betreffenden zudem meist verschlimmert.
Wenn die Kirche in Sachen Dämonenaustreibung auf Jesus
von Nazareth verweist, so ist das bemessen an ihrem Tun
unredlich. Denn Jesus schickte die bösen Geister
nicht in eine ewige Verdammnis weil es eine solche
bei einem Gott der Liebe, den Jesus lehrte, und der jedem
Verlorenen nachgeht (vgl. die Gleichnisse vom verlorenen
Sohn, Schaf bzw. Groschen), nicht gibt. Solches steht auch
nirgends in der Bibel geschrieben. Das dort in diesem Zusammenhang
manchmal gebrauchte Wort aionios bezeichnet einfach einen
Äon, eine sehr lange Zeit, aber nicht die
Unendlichkeit (vgl. dazu Der Theologe Nr. 19). Als Jesus
einmal einen Besessenen heilte, warfen ihm die damaligen
Theologen vor, er vollbringe die Austreibung mit Beelzebub,
dem Obersten der Teufel. Doch dies war nichts anderes als
eine Projektion ihrer eigenen erfolglosen Austreibungspraxis.
Und die heutigen katholischen Theologen tun das Gleiche
wie die damaligen Theologen. Mit barbarischen Ritualen versuchen
sie, die Dämonen auszutreiben. Und der Hilfe suchende
Gläubige bleibt dabei meist auf der Strecke. Im Gegensatz
dazu hatte Jesus wohl die oben dargelegten Fähigkeiten,
zum Kern des Geschehens vorzudringen und die Voraussetzungen
für eine dauerhafte Heilung zu schaffen.
Anders die kirchlichen Exorzisten, welche zur Verstärkung
ihrer Austreibungspraxis auch so genannte Reliquien benutzen,
was ebenfalls nicht das Geringste mit Jesus zu tun hat,
sondern mehr mit dem Voodoo-Kult, wo bei den Exorzismus-Ritualen
ebenfalls zahlreiche Reliquien benutzt werden. Der Exorzismus-Forscher
Uwe Wolff schreibt: Am Freitag, dem 21. November,
benutzt Pater Renz einen Splitter vom Kreuze Christi, Reliquien
des Vinzenz von Paul, des im Kampf gegen den Teufel erprobten
Pfarrer von Ars, und vor allen Dingen eine Reliquie von
Papst Pius X ...
Die unmittelbare Folge: Anneliese wird durch diese
Sitzung so weit aus der Bahn geworfen, dass sie die kommende
schulpraktische Prüfung für die Missio canonica
[die kirchenamtlichen Befähigung zur katholischen Religionslehrerin]
nur unter großen Schwierigkeiten besteht. Und
ihr Freund Peter Himsel muss eingestehen: Man hat
ja gemerkt, wenn man hinkommt, betet den Exorzismus, da
wird´s ja eigentlich schlimmer. Das war ja irgendwie
das Tragische daran, jedenfalls in der letzten Zeit.
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Religion des
Todes
Und damit das Ganze nicht ans Tageslicht dringt, muss diese
unselige Prozedur natürlich möglichst im Verborgenen
vollzogen werden. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum
der Würzburger Bischof Josef Stangl zunächst zögert,
die Erlaubnis zum Exorzismus an Anneliese Michel zu erteilen.
"Die gebotene Diskretion soll auf jeden Fall gewahrt
werden - keinerlei Medien dürfen während des Exorzismus
zugelassen werden und weder vor noch nach der Exorzismushandlung
dürfen sie darüber öffentlich informieren,
heißt es in dem neuen Exorzismusdekret des Vatikan
aus dem Jahre 1999. Die Männer der Kirche in Rom werden
wissen, warum.
Unzählige Male wird bei einem Exorzismus den Betroffenen
auch das Kruzifix mit dem zu Tode geschundenen Jesus vor
die Nase gehalten, so wie Inquisitoren es in der Vergangenheit
den verbrennenden Frauen und Männern auf dem Scheiterhaufen
entgegen streckten. Und so wie viele Opfer der Kirche noch
im Todeskampf standhaft blieben und sich von dem Kruzifix
abwandten, so wehrt sich auch ein Dämon
in Anneliese: Weg mit dem Ding!
Einer, der die Kirche sehr gut kennt, der ehemalige Dekan
der römisch-katholischen Fakultät der Universität
Wien und Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek, weist
auf die tiefenpsychologische Bedeutung des Kruzifix in der
Kirche hin, die eine ganz andere ist als die vordergründige
Bedeutung, wonach das Kruzifix auf ein stellvertretendes Sühneleiden
von Christus für die Menschheit hinweisen soll. Die Kirchen-Oberen,
so Mynarek, stellen immerfort den malträtierten,
misshandelten, gequälten, blutüberströmten
Leichnam dar. Warum? Weil sie eine Religion des Todes und
nicht des Lebens sind! Da kann der Papst noch hunderte Male
von der Kultur des Lebens sprechen, die die katholische Kirche
versinnbildlichte, und sie der Kultur des Todes entgegenstellen.
In Wirklichkeit ist die Kirche die Kultur des Todes, des gequälten
Leichnams, und glaubt selber nicht an das Leben.
Man könnte den Gedanken des Religionswissenschaftlers
noch weiterführen: Mit dem toten Mann am Kreuz wird womöglich
unterschwellig und entgegen den oberflächlichen theologischen
Erklärungen etwas ganz anderes symbolisiert. Nämlich:
Jesus ist tot, wir haben ihn besiegt. - Religionsphänomenologisch
wäre das Kruzifix demnach vergleichbar den barbarischen
Ritualen archaischer Kriegsvölker, welche die Köpfe
bzw. Skalps ihrer hingerichteten Gegner triumphierend vor
sich hertragen. Besonders drastisch veranschaulicht würde
diese katholische Dauer-Todesanzeige für Jesus, den Christus,
durch das Handkruzifix des Papstes, an dem er den furchtbar
gekrümmten Körper des sterbenden Jesus demonstrativ
vor sich herträgt.
Wer es so sehen möchte, der erkennt darin eine tiefere
Botschaft, die im Gegensatz zur oberflächlich verkündeten
Botschaft eines angeblichen Sühneleidens steht: Die Kirche
wäre demnach die Gegenspielerin von Jesus. Und sie bedient
sich nur seines Namens, um ihr eigentliches Wesen zu verbergen.
Es wäre ähnlich, wie es der große russische
Literat Fjodor Dostojewski (1821-1881) in seinem Werk Die
Brüder Karamasov darlegte, als der Kirchenmann,
der Großinquisitor, gegenüber dem wieder gekommenen
Jesus erklärte: Wir haben deine Tat verbessert.
Und während Jesus nicht vor dem Versucher niederfiel,
hat es die Kirche getan und dafür von dem Versucher als
Belohnung die irdische Macht erhalten. Wir sind schon
seit langer Zeit nicht mehr mit dir im Bunde, so der
Großinquisitor, sondern mit ihm, schon acht Jahrhunderte
lang. Acht Jahrhunderte ist es her, dass wir von ihm das annahmen,
was du unwillig zurückwiesest: Wir haben von ihm Rom
empfangen und das Schwert des Kaisers und haben uns selbst
als die Herren der Erde, als ihre einzigen Herren erklärt.
Und so hat es auch die Kirche zu ihrem unfehlbaren
Lehrsatz gemacht, dass sich jeder Mensch und alle Völker
dem Stuhl Petri, dem Papst unterwerfen müsse (Neuner-Roos,
Der Glaube der Kirche, Nr. 368, 430 und 434).
Anneliese Michel wurde anfangs unfreiwillig, später bewusst
zur Zeugin dieser machtvollen Todesreligion. Denn als sich
mehr und mehr herausstellt, dass das katholische Exorzismus-Ritual
nicht nur nichts bringt, sondern die grausame Situation verschärft,
gräbt sich die junge Studentin noch tiefer in die katholische
Kruzifix-Lehre ein und versucht, bestärkt durch die beiden
Exorzisten, die katholische Jesusvorstellung nachzuahmen.
So deutet sie ihre unsäglichen Leiden schließlich
als Sühne für andere, wobei auch die Dämonen
selbst wieder kräftig beteiligt sind.
In einer Exorzismus-Sitzung fragt etwa Pater Renz:
´Und mit dem Büßen, da kann sie Sünden
abbüßen für andere?`
Anneliese: ´Ja, ja, ja!`
Renz: ´Damit kann sie Seelen retten, damit kann sie
andere Seelen retten?` ( S. 222)
´Die muss dir
noch viele Seelen abspenstig machen. Drum dürft ihr sie
piesacken?!`
Anneliese: ´Bääh!`
Renz: ´Je mehr ihr sie piesackt, um so mehr Seelen werden
gerettet. Stimmt das? Ja? ... `
Anneliese: ´Ja, nein, nein, nein.` |
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Umdeutung
zur Heiligenlegende
Der Exorzistenpater Arnold Renz will durch solche suggestiven
Fragen seine Theorie der Sühnebesessenheit bei Anneliese
Michel bestätigt sehen. Und diese geht notgedrungen
darauf ein. Sie sitzt in der Todesfalle und flüchtet
immer mehr in die Identifikation mit dem leidenden und sterbenden
Christus, getreu der römisch-katholischen Lehre für
die Kranken und Sterbenden. So ist im Katechismus der katholischen
Kirche von der Vereinigung des Kranken mit dem Leiden
Christi die Rede und es wird das Sakrament der Letzten
Ölung z. B. mit folgenden Worten erklärt:
Durch die Gnade dieses Sakraments erhält der
Kranke die Kraft und die Gabe, sich mit dem Leiden des Herrn
noch inniger zu vereinen. Er wird gewissermaßen dazu
geweiht, durch die Gleichgestaltung mit dem erlösenden
Leiden des Heilands Frucht zu tragen. Das Leiden, Folge
der Erbsünde, erhält einen neuen Sinn; es wird
zur Teilnahme am Heilswerk Jesu. (Nr. 1521)
Von dieser allen kranken Katholiken angebotenen Deutung
der Gleichgestaltung mit dem erlösenden Leiden
des Heilands ist es nur noch ein kleiner Schritt zur
speziellen katholischen Deutung, dass auch der einzelne
kranke Katholik stellvertretend zur Sühne für
die Sünden anderer leiden könne.
In ein solches Deutungsmuster verfällt man nicht über
Nacht. Anneliese Michel wollte schon als Jugendliche mehr
tun als das, was die Kirche vom einzelnen Katholiken verlangt.
Nun schließt sich am Ende ihres irdischen Lebens der
kirchliche Teufelskreis. Sie möchte das Sühnopfer
vor allem für Priester bringen, die das Zölibat
brechen auch hier wieder die sexuelle Dimension des
Geschehens. Und durch die Deutung ihres Leidens als Sühneopfer
glaubt Anneliese Michel, wenigstens der ewigen Verdammnis
entronnen zu sein. Spätestens jetzt ist der Horror
nicht mehr zu stoppen. Wurde bis dahin immer versucht, die
Dämonen auszutreiben, soll jetzt der Heiland
sogar wollen, dass die Dämonen in Anneliese drin bleiben,
weil sie als Mittel für ihr Sühneopfer dienen.
Dann schreien die Stimmen aus der Tiefe in unendlichen
Variationen: ´Wir wollen raus, raus, raus, raus! Wir
wollen raus, raus, raus, raus!` (S. 237) Raus aus
Anneliese oder aus dem Horror-Grab der katholischen Verdammnis-Vorstellungen?
Obwohl sich die Dämonen in den letzten
Lebenswochen Annelieses seltener melden, fährt der
Exorzistenpater Renz bis zum letzten Tag mit seinen suggestiven
Beschwörungen fort. Und er quält die immer wehrlosere
junge Frau auch dann mit seinen Beschwörungsformeln,
wenn sich gar keine Dämonen bemerkbar machen.
Spätestens jetzt ist auch der Kirchenmann zu einer
Art von Besessenem geworden, der die ihm Anbefohlene
immer weiter in Richtung Tod treibt. Uwe Wolff schreibt:
Unterdessen setzt Pater Renz in Klingenberg sein Werk
fort, obwohl Anneliese immer wieder klagt: ´Ich kann
nicht mehr!`
In der Deutung ihres Leidens fühlt sich Anneliese im
Vorfeld ihres Todes allerdings nicht nur durch Pater Arnold
Renz bestätigt, sondern auch durch eine Stimme, die
sie am 20. Oktober 1975 vernommen hat und die sie als Heiland
deutet: Du wirst eine große Heilige werden
Der Exorzismus-Experte Uwe Wolff erklärt dazu: Wie
ihr himmlischer Bräutigam will sie ein Sühneopfer
sein (S. 250), und anders als durch eine solche Verklärung
ihres am Ende gescheiterten Lebens lassen sich ihre letzten
Lebenswochen wohl auch kaum mehr aushalten. In den letzten
Tagen vor ihrem Tod scheint sie vollends in der Identifikation
mit dem gekreuzigten Jesus aufzugehen. Wolff schreibt: Anneliese
ist tief eingetaucht in das Geheimnis ihres am Kreuz leidenden
Bräutigams und zitiert immer wieder dessen Todesworte:
´Bringt mir Wasser!` (S. 258) Angesichts des
Ausmaßes ihres Leidens kann man dieser letzten Lebenslüge,
die sie von ihrem Exorzisten Renz übernommen hatte,
großes Verständnis entgegenbringen. Eine Lebenslüge
bleibt es dennoch, denn Jesus war eine klare und geradlinige
Persönlichkeit und wurde von seinen Gegnern gefoltert
und umgebracht. Anneliese hingegen scheiterte an dem tödlichen
Gift ihrer Kirche und auch an sich selbst. Auch beinhaltet
das Schicksal von Jesus nicht die Aufforderung der äußeren
Nachahmung.
Etwas völlig anderes ist demgegenüber die schlichte
Nachfolge Jesu, indem man die friedvolle Botschaft der Nächstenliebe
beherzigt. Der bekannte Psychotherapeut Carl Gustav Jung
hat demgegenüber die katholische Perversion
der Nachfolge Christi mit den Worten kommentiert: Christus
kann bis zur Stigmatisierung nachgeahmt werden, ohne dass
der Nachahmende auch nur annähernd dem Vorbild und
dessen Sinn nachgefolgt wäre. Letztlich wird
dabei versucht, den einen Irrsinn das Dogma der ewigen
Verdammnis durch einen anderen Irrsinn die
materielle Nachahmung des Leidens Christi zu überwinden.
Anneliese Michel hat den Sachverhalt in ihrer Examensarbeit
zum Thema Angstbewältigung, in folgende
Worte gefasst: Zum Schluss sei noch gesagt, dass es
Fälle gibt, wo einer, obwohl er gebeichtet hat und
im Inneren im Frieden mit Gott lebt, von einer merkwürdigen
Angst geplagt wird, einer Leidens- und Todesangst, von dem
man einen Menschen nicht befreien darf. Man kann, wenn das
einem Menschen auferlegt ist, nur schweigend stehen und
beten, dass er auch durch diese Angst hindurch geführt
wird. Es gibt das besondere Teilhaben am Kreuz Christi und
seiner Todesangst. Die wichtigste Grundhaltung für
das seelsorgerische und ärztliche Bemühen ist
die Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Geschichte eines Menschen
mit Gott.
Ihre Entscheidung scheint damit auch vom Verstand her endgültig
gefallen. Sie wird bis zuletzt diesem katholischen Gott
verhaftet bleiben, der in Klingenberg mal richtig
auf den Putz gehauen hat, wie es einmal der kirchliche
Exorzismus-Beauftragte Adolf Rodewyk in Worte gefasst hatte.
Somit zieht sie Gott und Christus in die Verantwortung für
ihr Leiden bewusst mit hinein. Doch Anneliese Michel wird
diese Gottesvergiftung, deren Opfer sie letztlich
geworden ist, nicht als Lehrerin an Kinder im römisch-katholischen
Religionsunterricht weitergeben. Viereinhalb Wochen, nachdem
sie ihre Examensarbeit an der Würzburger Universität
eingereicht hat, ist sie tot. Als sie sich am Abend des
30.6.1976 schlafen legen will, bittet sie ihre Mutter Anna
Michel, bei ihr zu bleiben: Mutter bleib da, ich habe
Angst. Das sind ihre letzten Worte.
Weil Anneliese Michel selbst zuletzt ihr Leiden und Sterben
als Sühneopfer verstanden hat, ist es nicht verwunderlich,
dass interessierte Kreise aus ihrer Geschichte eine Heiligenlegende
machen wollen. Ein solches Deutungsmuster hält die
katholische Kirche in der Tat für viele, die an ihrer
Lehre zerbrochen sind, bereit.
Etliche ihrer Anhänger wünschen sogar ihre Seligsprechung
und strickten u. a. an der Legende, ihr Körper verwese
nicht. Deshalb werden Annelieses sterbliche Überreste
am 25. Februar 1978 auf amtliche Anordnung hin ausgegraben
und überprüft. Dabei zeigt sich, dass die Verwesung
sogar weiter fortgeschritten ist als üblich, weil
so das Bestattungsunternehmen Kraus aus dem nahen Aschaffenburg
bzw. der Bestatter Emil Schweibert und auch der Klingenberger
Bürgermeister Walter Riermaier das Mädchen
zum Todeszeitpunkt nur noch Haut und Knochen war. Die Exhumierung
hat gläubige Katholiken allerdings nicht davon abgehalten,
weiterhin folgende Verschwörungstheorie zu verbreiten:
Der Leichnam wäre tatsächlich unverwest gewesen
(wie übrigens der Leichnam Marias nach katholischer
Lehre bis zu ihrer leiblichen Auferstehung unverwest im
Grab gelegen haben soll; siehe dazu Neuner-Roos, Der Glaube
der Kirche, Nr. 483 und Nr. 485), weswegen die Augenzeugen
die Zulassung weiterer Zeugen zu verhindern suchten. Doch
selbst wenn man einen fanatischen Anhänger dieser Theorie
mit als weiteren Zeugen der Verwesung hinzu gebeten hätte,
wären wohl anschließend andere aufgetreten, die
es doch bestritten hätten.
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Das Ergebnis
der Obduktion
Anneliese Michels Körper ist in den letzten Monaten
vor ihrem Tod schon zunehmend verfallen, und sie hat diesen
Prozess durch Selbstverletzungen bzw. massive Gewalt gegen
sich selbst beschleunigt. Auch diese Verhaltensweise kann
als Ausfluss des zwangsneurotischen Systems der katholischen
Kirche verstanden werden, in dem nicht selten gilt: Wer
sich selbst niedermacht, wer sich geißelt, kommt dadurch
Gott näher. Ein nicht eingestandenes Aufbegehren gegen
die krankmachende Lehre der Kirche würde sich dann
selbstzerstörerisch gegen die eigene Person richten
anstatt gegen die Verursacher. Dies geschieht vor allem
dann, wenn kirchliche Indoktrination mit Angst und Schuldgefühlen
sich in der eigenen Seele als übermächtig erweist.
Die Selbstzerstörung nimmt dann ihren Lauf, und der
Exorzismus kann diesen Prozess in schlimmer Weise verstärken
bzw. er trägt zu seiner Vollendung bei wie bei Anneliese
Michel. Daran ändert sich auch nichts, wenn man als
zeitlich letzte Todesursache eine zu hohe ärztliche
Dosierung eines krampflösenden Medikaments annimmt,
worauf man natürlich spekulieren kann und womit das
katholische Umfeld von Anneliese Michel sowohl die amtlich
ermittelten als auch die tiefer liegenden Todesursachen
ausblenden möchte. Der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin
schließt jedoch ausdrücklich aus, dass die junge
Frau Michel an Medikamenten gestorben ist. Weil sich jedoch
die katholischen Befürworter des Exorzismus an Anneliese
Michel bis heute vehement an diese These klammern, soll
zum Abschluss noch einmal etwas ausführlicher darauf
eingegangen werden.
Zur allgemeinen Information: Jeder Obduktionsbericht enthält
neben einer unmittelbaren Todesursache die vorangegangenen
Ursachen, z. B. Krankheiten, die die unmittelbare
Todesursache herbeigeführt haben sowie andere
wesentliche Krankheiten. Nun spielt in dem gerichtsmedizinischen
Bericht eine Medikamentendosierung überhaupt keine
Rolle. Als Todesursache sind Abmagerung, Lungenent-zündung
und extreme körperliche Beanspruchung während
der letzten Lebenstage angegeben. Es heißt,
ihre Verfassung lasse sich am ehesten vergleichen
mit der getöteter Lagerinsassen im Zweiten Weltkrieg
(S. 14). Und im Gerichtsurteil heißt es auf Seite
40 sogar ausdrücklich: Jede andere Todesursache
ist ausgeschlossen (zitiert bei Goodman, S. 295).
Im Gegensatz dazu beharrt die Autorin und Anthropologie-Professorin
Felicitas D. Goodman (2) auf ihrer These, dass Anneliese
Michel durch das anti-epileptische Mittel Tegretal umgebracht
wurde. Doch bereits bei ihrem Versuch, dies seriös
darzulegen, kommen einem unvoreingenommenen Leser erhebliche
Zweifel. So muss sie z. B. zugeben, dass Anneliese Michel
Ende 1973 nach der medikamentösen Umstellung auf Tegretal
sich einige Zeit sehr wohl fühlte. Aus
dem Ruder laufen jedoch ihre Deutungen, wenn sie z. B. den
großen Exorzismus vom 31.10.1975 mit den Worten beschreibt:
Die große Austreibungsszene wurde zu einem gigantischen
Kampf zwischen der jugendlichen Kraft von Annelieses Gehirn
und der Wirkung des Medikaments (S. 291). Eine kraftvolle
Jugendliche kämpft gegen ein schlimmes Medikament?
Nach allem, was man bisher erfahren hatte, spürt man
hier den Beginn der Legendenbildung.
Doch selbst wenn man annimmt, dass der Obduktionsbericht
der Gerichtsmedizin falsch oder unvollständig sei und
die Nebenwirkungen eines Medikaments als ursächlich
oder mit-ursächlich für den Tod ergänzt
werden müssten was würde sich dadurch an
den hier dargelegten Zusammenhängen ändern? Es
würde sich nichts ändern bzw. nicht viel. Denn
es geht nicht nur um den zeitlichen Schlusspunkt der furchtbaren
Ereignisse, sondern um die gesamte Tragödie, die lange
vor der Einnahme von Tegretal und auch von anderen Medikamenten
begonnen hatte. Außerdem: Tausende von anderen Menschen
nehmen das Medikament ebenfalls ein ohne nennenswerten Schaden
zu erleiden. Und weiter: Mediziner und dabei vor allem die
als penibel bekannten Gerichtsmediziner, die alles Denkbare
untersuchen und jedem Mikrogramm eines Stoffes Bedeutung
beimessen, ziehen diese Theorie nicht einmal in Erwägung.
Es deutet also viel darauf hin, dass es hier von Seiten
von Exorzismus-Befürwortern vor allem darum ging, einen
nichtkirchlichen Sündenbock zu finden bzw. ein
im wahrsten Sinne des Wortes Totschlag-Argument,
um die Aufarbeitung der ganzen Last von Schuld und Verstrickungen
abblocken zu können bzw. dem zuletzt behandelnden Arzt
zuschieben zu können; oder auch seinen Vorgängern,
wenn man auch noch die anderen Medikamente mit heranzieht.
Es formt sich dann etwa folgende Sichtweise: Eine engagierte
junge Katholikin wäre ohne eigenes Verschulden von
Dämonen besetzt worden, um die sexuellen Sünden
ihrer Umgebung und einiges mehr sühnen zu können.
Anschließend wäre sie durch den großen
Exorzismus des Rituale Romanum der römisch-katholischen
Kirche von diesen Dämonen befreit worden. Leider hätten
aber ungläubige Ärzte dies verhindert, indem sie
ihr zerstörerische Drogen einflößten, die
ihre Widerstandskraft gegenüber den Dämonen gebrochen
haben, so dass der heilsame Exorzismus sein Ziel nicht erreichen
konnte. So oder so ähnlich würden viele gläubige
Katholiken die Geschichte gerne deuten, und wer das tut,
bezeugt einfach nur, was er gerne glauben möchte. Und
wenn Anneliese Michel in einigen Jahren deswegen selig gesprochen
wird, braucht das auch niemanden zu wundern. Einen Gefallen
täte man damit aber am allerwenigsten Anneliese Michel
selbst.
Dennoch offenbart das Schicksal der Pädagogik-Studentin
auch ein Versagen der Schulmedizin. Denn Anneliese Michels
Eltern und Anneliese selbst hatten auch auf diesem Gebiet
zunächst kaum etwas unversucht gelassen, um zu einer
Heilung oder Besserung zu kommen. Doch Nervenärzte,
Psychiater und medizinische Experten aller in diesem Zusammenhang
denkbaren Fachrichtungen bissen sich an der jungen Studentin
aus Klingenberg genauso die Zähne aus wie später
die katholischen Exorzisten. Und die ärztlichen Verordnungen,
Therapien und Medikamentendosierungen führten nur zu
zwischenzeitlichen Besserungen, nicht zu einer dauerhaften.
Dies ist aber bei der hier dargelegten seelischen bzw. ekklesiogenen
bzw. kirchlichen Krankheitsgeschichte auch kein Wunder.
Dieser Zusammenhang wurde vermutlich von manchen Medizinern
nicht oder zu wenig berücksichtigt oder völlig
unterschätzt. Im Unterschied dazu sind den Medizinern
Gefahren und mögliche Nebenwirkungen einzelner Medikamente
bekannt, und keiner kann einfach auf Teufel drauf
los verordnen. So ist es auch selbstverständlich,
dass man nicht ausschließen kann, dass ein Medikament
im Einzelfall das Chaos bei der ausgemergelten Studentin
noch vergrößerte, da schließlich eine Vielzahl
unterschiedlicher Kräfte und Interessen auf sie einwirkte.
Leider kommt es ja auch sonst in der Gesellschaft häufig
vor, dass man eine angeblich falsche Medizin für ein
Leiden verantwortlich machen will. In diesem Fall soll damit
aber wohl bewusst oder unbewusst verhindert werden, dass
man die wahren Ursachen für das Leiden und den Tod
anschauen muss und dass man ihnen auf den Grund kommt. Hier
bieten sich Mediziner als Sündenböcke geradezu
an, und so ist es fast zwangsläufig, dass dies auch
in diesem Fall passierte.
Zusammenfassend kann man sagen: Fast jedes Medikament hat
eine erwünschte positive Wirkung und eine oder mehrere
unerwünschte Nebenwirkungen, und das wird bei den Medikamenten,
die Anneliese Michel einnahm, nicht anders gewesen sein.
Die erwünschte Wirkung wird dabei wohl zur Dämpfung
mancher Ausnahmesituation beigetragen haben. Doch selbst
hilfreiche bzw. beruhigende Medikamente können nichts
ausrichten, wenn der Wahn, der letztlich in die Katastrophe
führte, parallel dazu auf die Spitze getrieben wird.
Natürlich gibt es heute auch vereinzelt Menschen, die
bekennen, dass ihnen ein römisch-katholischer Exorzismus
geholfen habe, von ihren Dämonen frei zu
werden. Es handelt sich hierbei offenbar ausnahmslos um
Zeitgenossen, die sich wieder in das römisch-katholische
Glaubenssystem integrieren ließen, was die innerlich
gespaltene Seele Anneliese Michels im Grunde ihres Wesens
aber nicht mehr konnte. Deshalb ändern diese einzelnen
Stellungnahmen gläubiger Katholiken auch kaum etwas
an dem Ergebnis eines weiteren wissenschaftlichen Untersuchungsberichts.
Auch dieser macht den katholischen Exorzismus nach dem Rituale
Romanum für die ausbleibende Genesung von Anneliese
Michel entscheidend mitverantwortlich. Der Bericht von Johannes
Mischo und Ulrich J. Niemann S. J., einem Jesuiten, ist
unter dem Titel Die Besessenheit der Anneliese Michel
in interdisziplinärer Sicht in der Zeitschrift
für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie
Nr. 25, 1983 erschienen. Darin heißt es auf Seite
186: ´Besessenheit und Großer Exorzismus
gemäß dem Rituale Romanum von 1614 (in Vollmacht
von Papst Pius XII. 1954 neu angeordnet und erweitert, Anm.
der Verfasserin) sind geeignet, die nach dem heutigen Stand
medizinischer, psychiatrischer und psychologischer Erkenntnis
als wahrscheinlich anzunehmenden Krankheiten und Krankheitsursachen
zu verdecken, zu verstärken und zu perpetuieren und
damit eine mögliche Heilung zu erschweren oder gar
auszuschließen. (zitiert bei Goodman, S. 342)
Anneliese Michel hat also nicht den Teufel besiegt, wie
die an ihrem Grab Rosenkranz betenden Pilger glauben
sie wurde eher das Opfer einer Teufelsreligion,
die auch beim Exorzismus eine große Nähe zum
Voodoo-Kult aufweist. Der ehemalige katholische Theologieprofessor
und Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek schreibt hierzu
z. B. grundsätzlich: Das Opfer spielt in der
katholischen Religion fast dieselbe Rolle wie in der Voodoo-Religion.
Es muss Blut fließen und es muss ein Opfer sein
(Voodoo auf katholisch, a.a.O. (3), S. 40). Und so gibt
es zahlreiche weitere Parallelen. Neben den in beiden Kulten
verwendeten Reliquien, wie oben schon dargelegt, gibt es
auch im Exorzismus des Voodoo-Kultes Gebete zu Maria. Oder
der Priester verwendet eine Fetisch-Flasche mit geweihtem
Wasser ähnlich dem katholischen Weihwasser. Und auch
beim Voodoo führen geweihte Mittler, die
in Kontakt zur Geisterwelt stehen oder stehen sollen
ähnlich den katholischen Priestern den Exorzismus
durch. Dabei verwenden sie ritualisierte Wiederholungsgebete
vergleichbar den katholischen Rosenkränzen oder anderen
katholischen Exorzismus-Formeln.
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Die Lüge
des Bischofs und die Folgen
Juristisch wurde der Tod Anneliese Michels am 21.4.1978
abgeschlossen. Die Eltern Michel, die auf ihre Weise ebenfalls
Opfer ihrer Kirche sind, und die von ihrem Bischof Josef
Stangl beauftragten Exorzisten Renz und Alt werden wegen
fahrlässiger Tötung bzw. unterlassener Hilfeleistung
zu Freiheitsstrafen von je sechs Monaten verurteilt, die
auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Der
verantwortliche Bischof und mit ihm die römisch-katholische
Kirche als Institution kamen jedoch völlig ungeschoren
davon. Und wie ist ihnen das in der für ihr Ansehen
und ihre Machtstellung nicht ungefährlichen Situation
gelungen? Man wählte hier den schnellsten und effektivsten
Weg, die plumpe Lüge.
Durch seinen Sprecher ließ der Bischof von Würzburg
nämlich kurz nach dem Tod Anneliese Michels verlauten:
Wir haben von allem nichts gewusst! ... Uns wurde
der Fall erst nach dem Tode des Mädchens bekannt. Ich
habe niemanden die Genehmigung zu den Exorzismus-Gebeten
erteilt. (Welt am Sonntag, 25.7.1976) Tatsächlich
hatte Bischof Stangl aber in seinem offiziellen Brief an
Pater Arnold Renz vom 16.9.1975 geschrieben: Hiermit
beauftrage ich nach reiflicher Überlegung und guter
Information H. H. P. Renz, Salvatorianer, Superior in Rück-Schippach,
bei Fräulein Anna Lieser [ = Deckname für Anneliese
Michel (Anna Lieser als Verfremdung von Anneliese)
aus Gründen der weitmöglichsten Geheimhaltung]
im Sinne von CIC can. 1151 § 1 zu verfahren. Mein Gebet
gilt seit längerer Zeit diesem Anliegen. Möge
Gott uns helfen! Ich danke aufrichtig für diesen Einsatz.
Mit herzlichen Segenswünschen; gez. Josef Bischof von
Würzburg." (nach Kaspar Bullinger, Anneliese Michel
und die Aussagen der Dämonen, zit. bei www.anneliese-michel.de.ms;
auch bei Wolff.
Parallel dazu versuchte man von Seiten der kirchlichen Amtsträger,
den aufgrund der Ereignisse verstörten Katholiken weiter
das Gehirn zu vernebeln. Anneliese Michel wäre ja gar
nicht besessen gewesen, sondern nur seelisch
krank, und die Exorzisten einschließlich des katholischen
Chef-Dämonologen und kirchlich weltweit anerkannten
Experten Rodewyk hätten mit ihren Diagnosen eben geirrt.
Wieder glaubt man als Außenstehender fast, seinen
Augen und Ohren nicht mehr trauen zu können. Betonen
doch die Kirchenführer sonst bei jeder passenden Gelegenheit
die Existenz von Teufel und Dämonen und die Möglichkeit
ihrer Austreibung. Und stimmt doch der Sachverhalt bei Anneliese
Michel in Klingenberg ganz mit den allgemeinen Darlegungen
der römisch-katholischen Kirche zu diesem Thema überein.
Doch das Bistum Würzburg distanzierte sich schon bald
nach dem Tod Anneliese Michels von den Exorzismen, und die
Deutsche Bischofskonferenz zog nach, indem sie eine Kommission
zur Untersuchung der Vorgänge einsetzte. Diese kam
zu dem klaren Ergebnis, dass bei Anneliese Michel keine
Besessenheit vorgelegen habe (Rheinischer Merkur Nr.
15, 14.4.1978 zitiert bei Goodman S. 322 (5)), ein an Verlogenheit
und Scheinheiligkeit kaum mehr zu überbietendes Ergebnis.
Wohlgemerkt: In ähnlichen Fällen ohne tödlichen
Ausgang waren nach katholischer Lehre die Dämonen echt.
Geht die Sache schief wie in Klingenberg, sind die Dämonen
im Ernstfall eben nicht echt gewesen. Anneliese Michel wird
auf diese Weise nach ihrem Tod noch ein weiteres Mal ein
Opfer der Kirche jetzt zusammen mit ihren Eltern
und den kirchlichen Helfern. Anna und Josef Michel, Ernst
Alt und Arnold Renz sie alle wurden am 21.4.1978
vom Landgericht Aschaffenburg zu Bewährungsstrafen
verurteilt. Obwohl sie ihrer Kirche treu ergeben waren und
nur das taten, was die Kirchenleitung ihnen auftrug und
riet, wurden sie von den Kirchenführern auf dem Altar
der Justiz und der öffentlichen Meinung (die den Exorzismus
natürlich überwiegend missbilligte) geopfert.
Man lässt sie alle miteinander einfach fallen, denn
die Heiligkeit der Kirche soll ja bekanntlich
so wenig wie möglich behindert werden (vgl.
Katholischer Katechismus Nr. 829). Und hier ist die Kirche
auch im Einzelfall brutal: Kein Wort des Trostes kommt
aus Würzburg, kein Schuldbekenntnis, kein Eingeständnis,
die Situation zumindest falsch beurteilt zu haben, nicht
einmal Solidarität in der Trauer, schreibt Uwe
Wolff.
Doch geht es hier nicht nur um eine moralisch-sittliche
Verfehlung der Kirchenoberen. Deren Verhalten hat kriminelle
Dimensionen, denn wahrscheinlich wäre das Urteil gegen
die Eltern von Anneliese Michel und die beiden Exorzisten
anders ausgefallen, wenn sich die Kirchenleitung zu ihrer
tatsächlichen Verantwortung bekannt hätte. So
aber ließ die Kirche entgegen den Tatsachen mitteilen,
diese hätten sich nach römisch-katholischer Lehre
falsch verhalten. (6) Doch dahinter steckt auch eine in
der Kirchengeschichte vielfach erprobte strategische Manöverleistung,
die man mit den Worten zusammenfassen kann: Die Kirche steht
oft auf allen Seiten. Und im Konfliktfall steht sie immer
auf der Seite, die der Zeitgeist gerade erfordert, um den
kirchlichen Einflussbereich auf die Gesellschaft und die
Seelen der Menschen erhalten und vergrößern zu
können.
Wenigstens Anneliese Michels Freundin, die Katholikin Thea
Hein, nimmt das Verhalten der römisch-katholischen
Amtskirche nicht duldsam hin. So verweigert sie z. B. eine
Hausdurchsuchung, wodurch die Vertreter der Kirche in den
Besitz von Tonbändern Annelieses kommen wollten. Weiterhin
bringt sie das falsche Zeugnis von Bischof Josef Stangl
in einen Zusammenhang mit seinem weiteren Schicksal: Da
habe ich gesagt: ´Gebt acht, das bricht dem Bischof
das Genick!` Und genau ein Jahr danach war er tot. Er hat
ja den Verstand verloren; das werden Sie ja wissen,
so Thea Hein, die Freundin Annelieses (S. 21), und Uwe Wolff
entlehnte aus ihrer Stellungnahme seinen Buchtitel.
Die Distanzierung der Kirchenleitung und der Kommission
der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz von Annelieses
Eltern und dem kirchenamtlich beauftragten Exorzisten Renz
und seinem Kollegen Alt hat aber nicht nur die hier dargelegte
moralische und juristische Dimension, sondern eine noch
tiefere existenzielle. Denn ein solches kirchenamtliches
Handeln kann in einem gläubigen Katholiken auch Seelenängste
auslösen, die wohl nur der wirklich erahnen kann, der
selbst dieses Milieu erfahren hat. Der sei ausgeschlossen,
heißt es bis heute in zahlreichen kirchlichen Lehrdokumenten
gegenüber in Einzelfällen Andersdenkenden oder
Zweiflern, und damit verbunden ist nach angeblich unfehlbarer
Kirchenlehre die wiederum angebliche ewige Verdammnis (vgl.
dazu Der Theologe Nr. 18). Mit einer Distanzierung schließt
man den Gläubigen zwar noch nicht aus. Man rückt
ihn aber gefährlich nahe an den Abgrund heran, vor
dem jeder gläubige Katholik bis ins Mark Angst haben
soll und vor dem auch Anneliese Michel zeitlebens in unfassbarer
panischer Angst lebte und von dem sie sich nicht entfernen
konnte und was wohl letztlich zu ihrem frühen Tod führte.
Doch kein Opfer der Kirche muss ein Opfer bleiben. Und für
jeden Menschen, der die Wurzeln dafür findet, warum
er zum Opfer geworden ist, kann sich ein neuer Weg zum Leben
auftun im Diesseits und, wer daran glauben möchte,
warum nicht auch im Jenseits. Das ist auch die gute Hoffnung
für Anneliese Michel.
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© Der Theologe Nr. 9
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Herzlichen
Dank
Wir danken "Der Theologe" - http://www.theologe.de
- für die Genehmigung der Verwendung des Textes über
den Fall Anneliese Michel. |
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