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Als Christoph Kolumbus im Jahre
1494 vor Jamaika seinen Anker runterließ, schwärmte
er von der schönsten Insel, die er je gesehen
habe. Vierhundert-fünfzig Jahre später wähnte
sich der amerikanische Filmschauspieler Errol Flynn
dort im Paradies, das er reizvoller fand als jede
Frau. Dazwischen lag eine düstere Wirklichkeit
der Sonneninsel im Bogen der Großen Antillen.
Mitte des siebzehnten Jahrhunderts kulminierten mit
der englischen Eroberung Gier und Gewalt. Den englischen
Kolonialisten stellten sich die Maroons entgegen,
ehemalige Sklaven, die von den Spaniern aus Westafrika
in die Karibik gebracht worden waren. Viele von ihnen
stammten aus Stämmen, die dafür berüchtigt
waren, besonders grausames Kriegshandwerk als Tradition
zu pflegen. Die Spanier ließen sie auf Jamaika
unter der Bedingung frei, dass sie gegen die Engländer
kämpften. Es war ein für beide Seiten verlustreiches
Ringen über viele Jahre, ein Kleinkrieg der Überfälle
und Gegenüberfälle aus dem Hinterhalt.
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Hohe Berge und unzugängliche
Urwälder
Die Topographie der Insel bietet dafür beste
Voraussetzungen: hohe Berge, unzugängliche Urwälder
und weite Hochflächen mit versteckten Tälern,
mäandernden Flüssen und verzweigten Höhlenlabyrinthen.
Noch heute erinnern die Namen jamaikanischer Verwaltungsbezirke
an das Schlachten von damals: "Look Behind"
oder, noch sprechender: "Me No Send Yuh No Come"
- Ich habe dich nicht gerufen, also komme auch nicht.
Bastionen in diesen wüsten Zeiten waren die Herrenhäuser
der Zuckerrohrpflanzer. Das schönste von ihnen
ist Rose Hall Great House, auf einem Hügel nahe
der Küste von Montego Bay. Vor vierzig Jahren
kaufte der amerikanische Ostküsten-Großindustrielle
John W. Rollins die Ruine und alles umliegende Land.
Am Strand errichtete er drei Hotels, auf den Hügeln
einen spektakulären Golfplatz. In Erinnerung
an die ehemalige Herrin von Rose Hall trägt die
Anlage den Namen "White Witch Golf Course".
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Ob es sich hierbei um
Annie Palmer handelt? Genau sagen
kann man es nicht. Jedoch ist es stark anzunehmen,
dass sie
bis heute noch in Rose Great Hall zu sehen ist.
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Der Tod im Schlafzimmer
Annie Palmer, die weiße Hexe, stammte
ursprünglich aus Haiti. Elf Jahre lang
herrschte sie über Rose Hall, 1831 wurde
sie tot in ihrem Schlafzimmer aufgefunden.
In dieser Zeit kamen in dem trutzigen Herrenhaus
ihre drei Ehemänner ums Leben. Der erste,
so gab Annee an, trank sich um den Verstand,
der zweite verlor ihn auch ohne Alkohol, und
der dritte habe sie nur ihres Geldes wegen
geheiratet. Jeder starb in einem anderen Raum.
Stets wurde das entsprechende Zimmer verschlossen
und danach nie wieder geöffnet. Unter
den Zeitgenossen kursierten die phantastischsten
Geschichten über Annies Lebenswandel.
Daß sie mit den Mächten der Finsternis
im Bunde sei, jeden ihrer Ehemänner eigenhändig
umgebracht habe, den ersten vergiftet, den
zweiten erstochen und den dritten erwürgt,
und wie sie nachts im wilden Galopp über
die Plantage gejagt sei und die Peitsche knallen
ließ über dem Rücken jedes
Sklaven, den sie draußen antraf - ein
Leben wie aus einem Schauerroman. Tatsächlich
verdankt die Nachwelt dem Reißer "The
White Witch of Rose Hall", den Herbert
G. deLisser 1929 veröffentlichte, die
genüßlichsten Beschreibungen ihrer
angeblich notorischen Grausamkeit. Diese Geschichten
sind heute die Hauptattraktion der Besichtigungstour
durch Rose Hall.
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Ein Kerker unter der Treppe
Nach Annies gewaltsamem Tod, dessen Umstände
im Dunkeln blieben, verfiel das Herrenhaus. John
W. Rollins ließ es für zweieinhalb Millionen
Dollar restaurieren. Seit 1971 erhebt sich Rose
Hall Great House über akkurat kupiertem Rasen
als Vorstellungskulisse seiner Besucher über
den Grusel ferner Zeiten. Die Zimmer sind eingerichtet,
wie deLisser sie in seinem Roman beschrieb, kein
Lufthauch bewegt die schweren Vorhänge. Auf
dem Tisch im Speisesaal ist in der sengenden Hitze
ein Festmahl bereitet: Fisch und Fleisch in riesigen
Portionen, Gemüse und Brot. Man möchte
sich gleich den Teller beladen. Doch alles ist aus
Plastik. Im ehemaligen Kerker unter der Treppe,
die durch das Haus zu schweben scheint, ist der
Andenkenladen eingerichtet. Dort werden Voodoo-Puppen
angeboten, Annees Lieblingsspielzeuge, wie es heißt,
Schnitzereien, Postkarten, Kaffee und Rum von der
Insel. Unvermittelt hebt die junge Führerin
mit einem Lied über Rose Hall an. Johnny Cash,
der in der Nachbarschaft viele Jahre lang ein Ferienhaus
besaß, habe es komponiert, doch selbst nie
öffentlich gesungen. Schaurig hallt die Melodie
durch den modrigheißen Kellerraum.
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